Das einsame i-Tüpfelchen

Es war einmal ein kleines i-Tüpfelchen.

Es war rund, winzig und schwarz und sass tagein, tagaus ganz oben auf seinem kleinen i.

Eigentlich hatte es alles, was ein i-Tüpfelchen zum Leben brauchte: einen schönen Platz, eine gute Aussicht und ein i, zu dem es gehörte.

Und trotzdem war es oft traurig.

Denn weit und breit gab es meistens nur ein einziges i.

Bei einem Haus gab es gar kein i.

Bei einer Katze auch nicht.

Beim Tiger fand man zwar ein i – aber eben nur eines.

Und beim Pinguin waren sogar zwei i zu finden, doch die lagen so weit auseinander, dass die beiden Tüpfelchen sich kaum zuwinken konnten.

Nur manchmal hatte das kleine i-Tüpfelchen Gesellschaft.

Nämlich dann, wenn irgendwo eine Spinne auftauchte.

Dann sprangen die Menschen auf Stühle, zogen die Füsse hoch und riefen:

„Iiiiiiiiiih! Eine Spinne!“

Das kleine i-Tüpfelchen strahlte jedes Mal.

Plötzlich waren da ganz viele i nebeneinander!

„Hallo! Hallo! Hallo!“, rief es begeistert.

Doch kaum war die Spinne aus dem Zimmer getragen worden, verstummte das „Iiiiiiiiiih“.

Und das kleine Tüpfelchen war wieder allein.

Eines Tages beschloss es:

„So geht das nicht weiter. Ich brauche Ferien!“

Es packte seinen winzig kleinen Koffer.

Eine Zahnbürste passte nicht hinein.

Ein Pyjama auch nicht.

Aber ein Taschentuch, ein Stück Schokolade und eine Lupe – die passten ganz genau.

Dann machte sich das i-Tüpfelchen auf die Reise.

Es fuhr über Hügel, durch Täler und an hohen Bergen vorbei, bis es schliesslich in die Schweiz kam.

Schon am ersten Morgen staunte es nicht schlecht.

Ein freundlicher Mann mit roter Mütze stapfte durch den Schnee und sagte:

„Hüt gömmer Schii fahre!“

Das i-Tüpfelchen riss die Augen auf.

„Schii?“

Da standen doch tatsächlich zwei i direkt nebeneinander!

Und auf jedem sass ein Tüpfelchen.

„Hoi!“, rief das erste.

„Hoi zäme!“, rief das zweite.

Das kleine i-Tüpfelchen konnte sein Glück kaum fassen.

Später ging es auf den Dorfmarkt.

Dort zeigte eine Verkäuferin auf einen grossen Käse und sagte:

„Der hät en guete Priis.“

Schon wieder!

Priis!

Zwei i!

Am nächsten Stand erklärte ein Koch einem Kind:

„Jetzt chunnt no ä Priise Salz i d'Suppe.“

„Eine Priise Salz!“, jubelte das Tüpfelchen.

Überall entdeckte es nun doppelte i.

Beim Schii fahre.

Beim Priis.

Bei der Priise Salz.

Und immer, wenn zwei i nebeneinanderstanden, sassen auch zwei Tüpfelchen Seite an Seite.

Sie erzählten sich Geschichten.

Sie kicherten.

Sie spielten Fangen über den Buchstaben.

Und abends schauten sie gemeinsam den Sternen zu.

„Hier gefällt es mir“, dachte das kleine i-Tüpfelchen.

„Hier ist man als i-Tüpfelchen nie lange allein.“

Schliesslich kam es in ein wunderschönes Dorf namens Wynigen.

Dort standen alte Häuser mit grünen Fensterläden. In den Gärten blühten Blumen, auf den Wiesen grasten Kühe, und irgendwo klingelte immer ein Glöckchen.

Mitten im Dorf wohnte ein besonders genauer Herr.

Er kontrollierte jeden Punkt.

Jeden Strich.

Jedes Komma.

Und wenn irgendwo ein Buchstabe auch nur ein kleines bisschen schiefstand, bemerkte er es sofort.

Die Leute nannten ihn deshalb scherzhaft den Tüpflischiiser.

Das ist ein schweizerisches Wort für jemanden, der es mit den kleinen Einzelheiten manchmal sehr, sehr, sehr genau nimmt.

Und ausgerechnet im Wort Tüpflischiiser entdeckte unser kleines i-Tüpfelchen etwas Wunderbares:

ii!

Zwei i direkt nebeneinander!

Auf dem zweiten i sass ein besonders hübsches Tüpfelchen.

Es war ein kleines bisschen schief.

Aber gerade das gefiel unserem i-Tüpfelchen.

„Hoi“, sagte es schüchtern.

„Hoi“, sagte das andere.

„Sitzt du oft hier?“

„Eigentlich immer.“

„Und… ist der Platz neben dir noch frei?“

Das zweite Tüpfelchen rückte ein kleines bisschen zur Seite.

„Für dich schon.“

Von diesem Tag an sassen die beiden oft zusammen.

Sie gingen Schii fahre.

Sie diskutierten darüber, ob der Priis für eine Glace gerecht war.

Sie halfen beim Kochen mit einer Priise Salz.

Und manchmal warteten sie sogar gemeinsam auf eine Spinne.

Wenn dann irgendwo jemand rief:

„Iiiiiiiiiih!“

schauten sich die beiden nur an und kicherten.

„Früher“, sagte das erste Tüpfelchen, „war das meine einzige Gelegenheit, Gesellschaft zu haben.“

Das zweite stupste es liebevoll an.

„Jetzt brauchst du kein Iiiiiiiiiih mehr.“

Und weil die beiden ganz sicher waren, dass sie nie wieder getrennt sitzen wollten, beschlossen sie zu heiraten.

Die Hochzeit fand auf einer kleinen Wiese oberhalb von Wynigen statt.

Die Kühe trugen Blumenkränze.

Die Buchstaben standen Spalier.

Das grosse I hielt eine feierliche Rede.

Und als die beiden i-Tüpfelchen sich ihr Ja-Wort gaben, riefen alle Gäste:

„Hipp, hipp, hurra!“

Nur die Spinne in der Ecke wunderte sich ein wenig.

Denn zum allerersten Mal rief niemand:

„Iiiiiiiiiih!“

Von nun an lebten die beiden i-Tüpfelchen glücklich und zufrieden im malerischen Wynigen.

Manchmal sassen sie auf einem ii.

Manchmal hüpften sie von Wort zu Wort.

Und wenn sie abends nebeneinander den Sonnenuntergang betrachteten, dachte das kleine i-Tüpfelchen:

Manchmal muss man ziemlich weit reisen, um genau den Punkt zu finden, an den man gehört.

Und wenn du irgendwann in der Schweiz ein Wort mit ii entdeckst, dann schau ganz genau hin.

Vielleicht sitzen dort oben zwei kleine Tüpfelchen nebeneinander.

Und vielleicht sind es genau die beiden aus Wynigen.

Ende.